Der junge Dirigent meint. Ich meine. Mein Stellvertreter meint.Der junge Dirigent meint. Ich meine. Mein Stellvertreter meint.

Wir haben endlich wieder einen. Keinen Hobbymusiker. Einen vom Fach. Er studiert noch. Eigentlich ist er noch sehr jung, aber jeder hat mal jung angefangen.

Dafür hat er jede Menge neuer Ideen. Jeden Monat bringt er ein neues Stück mit und die erste Viertelstunde von der Singstunde wird jetzt immer eingesungen mit allen möglichen Gesichts- und Körperverrenkungen.

Mein Stellvertreter sieht das anders. Er meint, erstens einmal sei er nicht im Turnverein, und zweitens sei unser Chor zu alt für solche Späßchen. Er würde deswegen in Zukunft immer erst um 20.15 Uhr kommen, wenn man richtig singe. Schließlich zahle er seinen Mitgliedsbeitrag nicht fürs Gähnen, sondern fürs Singen.

Ich meine, das mit den “Gesichts- und Körperverrenkungen” ist gar nicht so schlimm. Ein wenig Bewegung hat noch niemandem geschadet. Unseren Frauen im Sopran und Alt macht es richtig Spaß, obwohl die nicht wesentlich jünger sind als mein Stellvertreter. Sie freuen sich immer schon auf die Schultern- und Stimmlippengymnastik. Der junge Dirigent meint, man könne schwierige Sachen gar nicht singen ohne “Warm Up”.

Mein Stellvertreter meint, dass wir im Schwabenland dieses neumodische englische Zeug nicht brauchen würden. Und von schwierigen Sachen habe er langsam genug. Jeden Monat ein neues Stück, das sei einfach zu viel. Wir hätten doch so viele alte Stücke in unserem Notenarchiv. Über 250 seien es. Schließlich sei er seit 20 Jahren Notenwart und wisse, welche Schätze da schlummern. Außerdem sei unser Chor zu alt, um ständig schwierige neue Sätze zu studieren.

Ich meine, das sollten wir lieber dem Fachmann überlassen. Wer sich nicht ständig fordert, verliert auf die Dauer sein Niveau. Trotzdem könnte er unserem Dirigenten ja mal von einem Teil unserer Notenschätze je eine Partitur heraussuchen und mit nach Hause geben zum Studieren.

Mein Stellvertreter meint, das komme auf gar keinen Fall in Frage. Wenn unser Chorleiter wirklich interessiert sei an unserem Notenarchiv, könne er auch mal während der Woche zu uns ins Probenlokal kommen. Rausgeben werde er nichts. Außerdem wäre das ein Riesenaufwand mit Heraussuchen und wieder Einsortieren. Nicht dass er zu faul sei, aber das gehe einfach nicht.

Ich meine, wir sollten unserem jungen Dirigenten wenigstens mal eine Übersicht über all unsere Noten erstellen und mitgeben.

Mein Stellvertreter meint, das wäre eine gute Lösung. Bis zur nächsten Chorstunde wolle er sich um die Kopien kümmern. Dann würden wir schon sehen, was passiert. Bisher passiere nämlich gar nichts. Keiner im Chor wisse, was der junge Dirigent vorhabe. Früher hätten wir immer auf ein spezielles Konzert hingeprobt. Außer dem Freundschaftssingen im Juli beimNachbarverein sei ihm aber kein Termin bekannt.

Der junge Dirigent meint, er müsse den Chor erst kennenlernen. Erst dann könne er entscheiden. Mein Stellvertreter meint, das sei eine Ausrede, weil er noch nicht so viel Erfahrung habe. Er kenne zwar alle Kreuze und B’s in der Musik, aber von einem Gesangverein wisse er fast gar nichts.

Ich meine, da hat mein Stellvertreter völlig Recht. Deswegen liegt es an uns, dass wir uns mit dem jungen Dirigenten zusammensetzen und mit ihm gemeinsam einen Jahresplan erstellen.

Mein Stellvertreter meint, er halte nicht so viel von Demokratie im Chor. Schließlich würde unser junger Dirigent von uns bezahlt. Deswegen habe er zu tun, was wir von ihm.

Der junge Dirigent meint, er allein sei der musikalische Fachmann im Verein. Aber gegen Demokratie im Chor habe er nichts. Sein Problem wäre ein rein zeitliches, weil er momentan in den Prüfungen stecke und nach der Probe immer mit der S-Bahn nach Stuttgart zurückfahren müsse. Ich meine, wir sollten einfach mal die Probe verkürzen und uns dann zusammensetzen. Nicht nur der Vorstand oder der Ausschuss, sondern der ganze Chor! Dann lernen wir den jungen Dirigenten besser kennen und er uns.

Mein Stellvertreter meint, er sei da zwar prinzipiell skeptisch, aber er hätte nichts dagegen, wenn so eine verkürzte Probe nur einmal stattfinde. Denn schließlich würde unser Dirigent nicht fürs Reden, sondern fürs Singen bezahlt.

Ich meine, wir haben da in den letzten Monaten viele Fehler gemacht, weil es nach dem Einstellungsgespräch bisher keine Kommunikation mehr zwischen uns und dem jungen Dirigenten gegeben hat. Stattdessen hat jeder eine Menge an Wünschen und Vorstellungen, ohne sie zu artikulieren. Die meisten von uns singen seit über 30 Jahren zusammen.

Mein Stellvertreter feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges. Wir kennen uns zum Teil noch von der Schule her. Wir wissen, was wir gerne singen,und dass keiner von uns Noten lesen kann. Zumindest nicht richtig. Der junge Dirigent könnte für jeden von uns ein Sohn oder gar ein Enkel sein. Und so sehen ihn auch die meisten, immer mit dem Gedanken: “Der ist noch jung, der wird das noch lernen.”

Der junge Dirigent meint, unser Chor sei sein erster Chor und es gehe ihm nicht nur ums Geld, sondern auch darum, bei uns all das zu lernen, was man an der Hochschule nicht lernen könne. Für ihn seien die ersten Chorstunden wie eine Geisterfahrt gewesen, bei der er sich nie sicher war, ob ihn hinter der nächsten Kurve wieder einer böse anschauen würde.

Ich meine, das mit dem Probengespräch ist eine gute Sache. Jeder kann sagen, warum er im Chor ist, was er gerne singt und was ihm Schwierigkeiten macht. Jeder kann seine Ideen einbringen und danach setzen wir uns im Vorstand zusammen und überlegen, was machbar ist und was nicht. Da sollte der junge Dirigent dann unbedingt auch dabei sein. Und diese Sitzung zahlen wir ihm extra. Das meine ich!

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