EhrenkäsigEhrenkäsig

Und jetzt die 500.000,- EURO-Frage: Von wem stammt der unsterbliche Satz „Ich kann diesen Käse nicht mehr hören”?

War es Philippe Geramont, Jan van de Gouda, Emma Tal oder Rudi Voller, der geysirquirlige Islandurlauber, der in der frischen atlantischen Salzluft vom lyrischen Nuschler ins dramatische Charakterfach wechselte, dabei gezielt mit „Scheißdreck” um sich warf und wohl deswegen die Nase mit den Ohren verwechselte. Oder haben Sie Käse schon mal riechen hören?

Können Sie mir sagen, warum man Menschen, die ständig das Gefühl haben, dass sie zu wenig gelobt werden, „ehrenkäsig” nennt? Ist das nicht eine Beleidigung für die Franzosen, die Schweizer, die Holländer, die Allgäuer? Nicht für die einzeln verpackten Käsescheibchen aus der Kühltheke im Supermarkt. Aber für einen alten Gouda! Der hätte allen Grund, „ehrenkäsig” zu sein ob der Negativreklame.

Zurück zu Rudi Nationale. Er meinte, er könne den Käse „nicht mehr” hören. Gab es da eine Zeit, in der er ihn gehört hat? Oder waren es die Löcher, also das „Nichts” im Käse, die zu Form erstarrte Sinnkrise der käsegewordenen Milch, der Klang des „Nichts”, „the sounds of silence”? Also Käseloch identisch mit erfolglosem Fußballspieler!Mir ist der Appetit vergangen, gestern. Von wegen „gerochen”, gestunken hat’s! Ich spreche nicht vom Europapokal oder der Euroquali. Ich meine die Chorprobe gestern abend. In der Pause gibt’s immer die offiziellen Verlautbarungen von unserem Vorstand. Der ist nicht so penibel und genau wie unser Schriftführer, mehr der Verkäufer, der PR-Mann. Deswegen hat er auch das wohl Wichtigste im Monat Oktober vergessen zu erwähnen: Oswald, seines Zeichens 2.Tenor und Fahnenträger unseres Traditions-Liederkranzes, hat sich für ein weiteres Jahr bereit erklärt, die Vereinsfahne über den Winter mit nach Hause zu nehmen.

Unser Probelokal wird in der kalten Jahreszeit nämlich nicht durchgehend beheizt, weil die Gemeinde sparen muss. Wie gesagt, ich wiederhol es noch einmal für die billigen Ränge: Oswald hat sich für ein weiteres Jahr bereit erklärt, die Vereinsfahne über den Winter mit nach Hause zu nehmen und bei sich aufzubewahren.Oswald wohnt nicht zur Miete. Er muss auch kein Familienmitglied evakuieren. Er muss auch nicht umbauen. Er hat Platz genug. Aber das eine hat nun einmal nichts mit dem anderen zu tun. Ehre, wem Ehre gebührt.

Und Oswald ist schier geplatzt am Ende der Probe. Bis dahin hatte er seine Wut noch aufgespart. Man hat’s richtig gehört bei den Weinliedern, die wir für unser Herbstkonzert geprobt haben. Das war kein Wein mehr, nicht einmal Weingelee, das war der reinste Weinstein, der sich in Oswalds Resonanzräumen festgesetzt hatte.

Noch ehe der Wein seine Metamorphosen von der Traube über die Tonne, über das Lied und das stille Örtchen zurück zur Traube vollenden konnte, stand Oswald senkrecht, drohend wie eine vom Alpensturm gezeichnete dunkle Tanne.„War ja wieder eine ganze Litanei an Sängern, bei denen du dich heut’ bedankt hast”, begann er in Richtung Vorstand. „Bier zapfen, Brötchen schmieren, Noten einsortieren, Wein besorgen. Alles wichtig! Schade, dass dir unsere Traditionsfahne nicht wichtig ist.

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