Eigentlich ist es nicht unsere Art, fremde Menschen zu belauschen und schon gar nicht, wenn es sich um Sangesbrüder oder Schwestern handelt. So möge uns vergeben werden für unsere Neugier, ohne die wir nie Zeuge dieses Abendgebets eines Vereinsvorstands im Schwäbischen Sängerbund geworden wären.
Lieber Gott,
lass am Sonnabend viele Zuhörerinnen und Zuhörer in unser Herbstkonzert kommen, damit unsere Vereinskasse wieder voller wird und wir uns auch im nächsten Jahr unsere Chorleiterin leisten können. Ich möchte doch im Frühjahr, wenn ich nach 25 Jahren zurücktrete und den Verein in jüngere Hände übergebe, kein Minus hinterlassen. Immerhin hab ich es in diesen 25 Jahren geschafft, dass kein Vereinsmitglied einen höheren Beitrag zahlen muss als im Jahr 1978. Darauf bin ich ehrlich stolz, auch wenn ich’s mal versucht habe, die 10 DM für Aktive auf 11 zu erhöhen. Aber damals haben drei meiner besten Männerstimmen mit Austritt gedroht: unser 1. Tenor, der Georg, und die zwei Bässe Franz und Siegfried. „10% mehr”, haben sie gesagt, „das ist der reinste Wucher!” Da hab ich’s dann gleich sein lassen. Inzwischen hast du den Georg, den Franz und letzte Woche auch den Siegfried in deinen himmlischen Chor geholt, wo sie keinen Jahresbeitrag mehr zahlen müssen und auch die GEMA-Gebühren beim anschließenden himmlischen Tanzvergnügen nicht so hoch sind.
10 DM, das waren 1978 noch 560 Märker im Jahr für die Vereinskasse. Dazu kam später der Chorleiterzuschuss vom SSB. Das war die halbe Miete: ein halbes Jahr Chorleiter bezahlt! Ja der Albrecht, der hat viele Jahre 150,- DM im Monat von uns bekommen und war zufrieden. Mit der neuen Chorleiterin läuft unter 300 EUR nichts mehr. Aber woher jemand anderen nehmen und nicht stehlen, wo doch niemand zu finden ist weit und breit?! Heute sind wir nur noch 27 Sänger. Da muss ich mir jedes Jahr ein Sommerfest mehr einfallen lassen. Und Konzerte ohne Bewirtung – das kann sich niemand mehr leisten! Aber den Vereinsbeitrag damals hab ich sauber umgerechnet, als der EURO kam. Runde doch auf, verlang 6,- EUR im Jahr, hat mein Kassier gesagt. Nein, da war ich einfach zu stolz. TEURO beim Liederkranz? Nur über meine Leiche! Deswegen zahlt bei uns jedes aktive Mitglied genau 5,12 EUR Jahresbeitrag. Und die fördernden Mitglieder, die noch nie mehr als 5,- DM bezahlt haben, überweisen seit dem Jahr 2002 2,56 EUR aufs Liederkranzkonto. Dafür erhalten Sie am Jahresende bei unserer Adventsfeier eine Flasche Wein oder einen Blumenstrauß. Eine schöne Feier! Da sind sie alle da, soweit sie noch da sind.
Das Jahr 2003 war kein gutes Jahr, lieber Gott. Ich mag dich ja nicht kritisieren, aber zwei unserer Sänger haben die große Hitze nicht überstanden. Das hätte nicht sein müssen, schließlich haben wir auch oft in der Kirche gesungen. Vielleicht nicht so schön wie deine Engelschöre, aber wir sind ja Männer und keine langhaarigen blonden Soprane. Ich weiß, dass du mit der Kirchsteuer ähnliche Probleme hast wie unser Verein mit seinen Mitgliederbeiträgen. Trotzdem, irgendwie hast du das von Anfang an besser kalkuliert. Manchmal, wenn der Vollmond so richtig durchs Fenster grinst, wach ich auf und zweifle daran, dass unser Verein die 5,12 EUR noch lange halten kann. Da muss sich was ändern. Aber nicht während meiner Vorstandszeit. Keiner soll sagen, der Alois hat den Vereinsbeitrag um 10 oder 20% erhöht, gerade jetzt, wo keiner mehr weiß, ob er seinen Job auch morgen noch hat.
Mein Sohn hat mir neulich gesagt: „Vater, du spinnst. Ich geh jeden Monat 60 EUR im Fitnessstudio aus, plus mindestens 5 EUR für Getränke pro Besuch, und du machst dir wegen ein paar Cent in die Hose. “Zuerst wusste ich überhaupt nicht, was ich ihm antworten soll. Aber am nächsten Tag hab ich’s ihm zurückgegeben: „Ein Liederkranz ist kein Fitnessstudio”, hab ich gesagt. „In einem Fitnessstudio bekommst du etwas: Hanteln, Rudergeräte, Fahrräder usw. Bei uns bekommst du nichts. Ganz im Gegenteil. Du musst etwas mitbringen, und zwar deine Stimme.”
Als er dann mit dem Tennisverein anfing, wo er seinen Schläger und die Bälle mitbringen muss, hab ich die Diskussion beendet. Das bringt doch nichts. Ein Chor ist so gut, wie viele Mitglieder er hat, und so reich, wieviel Rote Würste und Schnitzel mit Salat beim Herbstkonzert gekauft werden. Schnitzel und Würste hätten wir jede Menge, nur an den Männern fehlt’s.
Gleich werd’ ich einschlafen. Ich spür’s schon. Bitte lass mich heute Nacht nicht den Traum von dem Jungen Chor träumen, der letzten Monat im Nachbarort gesungen hat. Ich dachte, ich hätte mich verhört, als der Vorsitzende des Chores am Ende alle Nicht- und Nichtgerne-Sängerlnnen dazu eingeladen hat, doch Fördermitglieder zu werden. Schon für 25 EUR wäre man mit dabei und bekäme jedes Jahr ein Konzert gratis. Gestern hab ich die ganze Nacht von 25-Euroscheinen geträumt, obwohl es die doch gar nicht gibt. Einen ganzen Hut voller 25-Euroscheine haben sie in einen Korb mit 25-Euroscheinen geleert und ich…
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Noten
wie Achtel, die uns drohten,
weil unsre Stimmen nicht versteh’n.
So legt euch denn ihr Sänger
dem Lois wird’s immer bänger,
kalt ist der Abendhauch.
Verschon’ uns, Gott, mit Strafen
Und Sängern, die nie trafen,
den richt’gen Ton im Chore auch.