Wir schreiben das Jahr 2104. Die SSB, führende Serviceagentur für Stimm- Beratung im süddeutschen Raum, hat soeben ihre neueste Jahresstatistik veröffentlicht,
der zufolge die Zahl der Liedchöre noch einmal um 10% zurückgegangen ist und damit den historischen Tiefstand von 107 im gesamten Gebiet des ehemaligen Schwäbischen und Badischen Sängerbundes erreicht hat.
Beide Sängerbünde existieren seit über 50 Jahren nicht mehr. Sie hatten sich 5 Jahre nach dem Ende des Deutschen Sängerbundes aufgelöst. Wie kam es dazu?
Es begann mit dem Wegbrechen der Männerchöre Anfang des 21. Jahrhunderts, gefolgt von den Gemischten Chören, denen ebenfalls die Männer fehlten. So wurden sie zu reinen Frauenchören, fusionierten vielerorten mit den bereits bestehenden Frauenchören und pflegten das traditionelle Liedgut weiter.
Männer, in allerdings geringer Zahl, sind heute nur noch in den Jungen Chören zu finden, die sich in den 10er- und 20er-Jahren des 21. Jhdts. zur führenden Chorgattung entwickelt haben. Die Geschichte dieser “Jungen Chöre”, die vor wenigen Jahren zum 100-jährigen Jubiläum der Chorgattung als DVD herauskam, gibt einen interessanten Einblick in die progressive Chorszene des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts. Ihre Wurzeln reichen bis in die Zeit vor dem 2. Weltkrieg zurück. Damals waren es Lieder wie “Mein kleiner grüner Kaktus” oder “Wochenend’ und Sonnenschein”, denen zwischen 1995 und 2000 die Highlights der deutschen und internationalen Schlager- und Popmusik des zu Ende gehenden 2. Jahrtausends folgten. Einige unter uns erinnern sich vielleicht noch an Songs wie “Marmor, Stein und Eisen bricht” oder “California Dreaming”.
Jugendbewegte Chorleiter bearbeiteten damals alles, was nicht niet- und nagelfest schien, leider nicht immer mit dem nötigen Gespür für die Stücke. Da jagte der Löwe (“The lion sleeps tonight”) durch den Dschungel, anstatt zu schlafen, und “My boy Lollipop” poppte so falsch durch die von den Chorleitern vernachlässigten Stimmbänder, dass sehr bald eine völlig neue Situation entstand. Mit jedem “deebeedeebee dup dup” und “wuap baah dwee doo dot” wurde zwar die rhythmische Komponente der Chormusik verstärkt, aber die Stimmen gingen langsam aber sicher “vor die Hunde”. Denn Stimmbildung war uncool. Kein Chorleiter hätte es gewagt, seinen Jungen Chor mit Stimmbildung zu quälen. Wichtig war das schnelle Erfolgserlebnis und der baldige Auftritt nach Gründung eines solchen Chores.
Sie nannten sich “young voices”, “quer voices”, “Singende Lockenwickler” und “Barbershoppers”, obwohl sie gar nicht wussten, was das genau ist, dieses Barbershop- Singen. Ihre Chorleiter versprachen ihnen den tiefschwarzen Gospel-Sound und schafften es doch nur bis zur chronischen Heiserkeit.
Intervalle? Melodiebögen? Homogener Chorklang? Die Zahl der Fremdwörter nahm zu, während die Gesundheit der Stimmen abnahm. Natürlich nicht überall. Es gab Ausnahmen, so wie es immer positive Ausnahmen gibt. Aber wir protokollieren den Trend, nicht die Ausnahmen. Die nahezu abgeschlossene Globalisierung hatte inzwischen dazu geführt, dass Sprachen aus der Chormusik immer mehr entfernt wurden. Sogar Englisch geriet auf die rote Liste. Stattdessen entwickelte die “EuroVoice”, die Nachfolgeorganisation von “europa cantat”, einen Kanon international gebräuchlicher Tonsilben, der ab Mitte der 50er-Jahre nach und nach alle Sprachen ersetzte und von den Komponisten und Arrangeuren bald eben so sicher beherrscht und eingesetzt wurde wie die kleine und große Kadenz.
Genau in diese Zeit fällt auch das Ende des Schwäbischen und des Badischen Sängerbundes sowie die Entstehung der Serviceagentur für Stimm-Beratung. Hervorgegangen ist sie aus einer Initiative der Stiftung “Singen mit Kindern”, deren Hauptaufgabe in den 40er-Jahren vor allem im medizinischen Bereich angesiedelt war. Die Stimm- und Hörschäden (Discman, MP3-Player) bei Kindern hatten beängstigend zugenommen und dazu geführt, dass es Kinderchöre nur noch in einigen wenigen Waldorf-Schulen zu hören gab. Nun kamen noch die vom ewigen “dm-ts-ts, dm-ts-ts, dm-ts-ts” und “bau-bau-uah-bau-bau” liebevoll gepflegten Stimmbandknötchen der Erwachsenen dazu. So warfen alle Sängerbünde in Baden- Württemberg ihre Kraft und den Rest ihrer gestrichenen öffentlichen Zuschüsse zusammen zugunsten der Stimmgesundheit, in der Hoffnung, dass aus vokalen Ruinen irgendwann einmal wieder belcantisches Grün erblühen möge.
Der Autor bittet herzlich darum, nicht beschimpft, bedroht oder gar juristisch belangt zu werden. Eine Glosse ist kein Gaubericht.
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