Ich hab es selbst erlebt beim Chorfest in Berlin. Es war schrecklich und ich erinnere mich noch ganz genau. Bei „Country roads, take me home” fing es an. Es war im Staatsraatsgebäude in Berlin, 2. Stock.
Nach ein paar eher konzertanten Stücken des Chores – mal a cappella, mal mit Klavierbegleitung -griff der bis dato geduldig im Hintergrund und vor allem ruhig wartende Gitarrist in die Saiten. Keine melancholischen Melodiebögen im Stile eines „Concierto de Aranjuez”, keine animierenden Carlos-Santana-Klänge für geplagte Chorohren, sondern Rhythmusgitarre pur. Akkorde klampf klampf, denen man nicht entgehen konnte.
In diesem Moment geschah etwas, was man sonst nur in musikalischen Sternstunden des Deutschen Fernsehens erlebt, wenn der Lordsiegelbewahrer des fleischgewordenen Mittelmaßes, der Oberkonservator des grenzübergreifenden Ohrenschmalzes, der Taktschläger der singenden und klingenden Landhausmode himself Hand an seine Stimmbänder legt und mit seinem unvergleichlichen Dialekt, der alle intellektuelle Dialektik ausschließt, sein allgegenwärtiges „Schaut her, ich bin’s” skandiert.
Menschen, die sich vorher nicht gekannt, die aus allen Himmelsrichtungen in dieser einen Stunde in diesen Saal gekommen waren, die nicht wussten, was sie erwarten würde und die keine Zeit gehabt hatten, sich vorher abzusprechen, diese Menschen durchzuckte urplötzlich der Wunsch, dabei zu sein, wenn die stark befahrenen country roads den Gitarristen und seinen Chor home führten. Wie von einem unsichtbaren Maut-Laser erfasst und gesteuert von einer multikompatiblen Fernbedienung aus den Weiten des Alls, fand jede rechte Hand die linke und die erste Viertelnote des Taktes. Menschen wie du und ich, denen man schon lange keinen Fitnesswahn mehr zugetraut hatte, gerieten in Bewegung, Körper wippten, Stühle kippten, die Decke vibrierte. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf. Noch wäre zu retten gewesen, was keine Rettung suchte. Doch als die Eigendynamik der von Countryemotionen erfassten Massen die dritte Viertelnote für den kollektiven Zweitschlag entdeckt hatte, war es zu spät.
Der Chor, ja der Chor, wie verarbeitete er dieses rhythmische Inferno?
Er stand: gestandene Männer jeden Alters, auch in jenem gefährlichen Segment, in dem die Ärzte angesichts der tropischen Temperaturen des Jahrhundertsommerjahres von Bewegung und Aktivitäten im Freien abraten. Lange versuchten sie, zusammen mit ihrem tapferen Dirigenten, die Oberhand zu behalten, aber sie hatten keine Chance. Aus den Treibenden wurden Getriebene. Unbarmherzig knallten die 1 und die 3 auf sie nieder, ließen ihnen keine Luft mehr zum chorischen Nachatmen. Die ersten Krawatten wurden gelockert, die ersten Halshemdknöpfe sprangen, es half nichts. Kein Mövenpick, kein Wienerwald, nicht mal ein McDonald’s lud zur Rast ein an den country roads. Die Straßen hatten ihren eigenen Takt und je länger sich dieser hinzog, desto heißer dampfte der Asphalt.
ielleicht war ich der einzige, der die Katastrophe kommen sah. Mit aller Kraft versuchte ich, mich entgegen zu stemmen, dort Akzente zu setzen, wo nicht die Basstrommel, sondern die Snare ihren Platz hat. Doch meine Schläge auf die 2 blieben ungehört. Ich war der einsame Rufer in der Wüste, der Friedensaktivist, der sich dem Musikantenstadl-Heer entgegenstellte und doch von ihm überrollt, ja, zertreten wurde. Keiner soll sich später herausreden, er sei nur Mitläufer gewesen, hätte nur mitgeklatscht. Das waren keine freundlichen Körperinstrumente mehr, wie wir sie den Kindern in den Liedergar-tenkursen vermitteln, das waren Waffen, agressive Geräuschmaschinen, die nicht nur die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht hätten. Die zweiten Bässe sanken in sich zusammen, denn die Luft war dünn geworden und der Sauerstoff verbraucht. Die Tenöre bekamen seltsam eckige Bewegungen und signalisierten mit ihren Tempotaschentüchern die Aufgabe der chorischen Festung. Das war ein Fehler. Um so mehr tobte das Publikum. Längst stöhnten, wie niedergemäht, die Baritonreihen ein letztes „home” und mit glasigen Augen die 2.Tenöre ein verdächtig decrescendierendes „West Virginia”, aber den tobenden Massen war es nur Ansporn zu neuen Luftschlägen. Im Handstreich wurden die zweite und die vierte Viertelnote okkupiert, es gab kein Miserere. Vier Schläge hat der Takt, viermal hat’s gekracht.
Die ersten Notarztwagen rollten vor, doch ihre Sirenen fügten sich willig ein in das 1-2-3-4 der klatschenden Greifapparate. Die Hilfskräfte des Deutschen Sängerbundes legten den Bässen Sauerstoffmasken an, Notliegen transportierten erschöpfte Männer zur nächstgelegenen Theke, Durchsagen im Rundfunk warnten vor dem gefährlichen Klatschvirus, es war zu spät. Er hatte sich längst über Berlins Prachtstraße Unter den Linden hinüber zum Marlene-Dietrich-Platz verbreitet. Die Seuche nahm ihren Lauf.
Für den „Wahrheitsgehalt” dieses Berichts verbürgt sich Ihr Wolfgang Layer.
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