Also wenn er das wirklich gesagt hat, ist er für mich gestorben. Bist du dir ganz sicher?
Was heißt hier sicher? Mit mir hat er nicht darüber gesprochen, aber mit Sigi. Streng vertraulich, versteht sich! Aber du kennst ja Sigi. Fünf Minuten später hat er mich angerufen und mir die ganze Geschichte erzählt. Top secret! “Sigi”, hab ich ihm gesagt, “ich kann schweigen wie ein Grab. Von mir erfährt keiner nichts. Dass ich es DIR erzähle, hat nur damit zu tun, dass ich ehrlich zu dir bin und weiß, dass du das auch zu mir wärst, wenn es mal etwas gäbe. Schließlich geht’s hier um wichtige Dinge.
Und wen meint er, dass er auf seine Seite kriegen würde?
Wenn du mich fragst, also versteh mich recht: Ich will niemanden etwas unterstellen und ich möchte auf gar keinen Fall etwas gesagt haben, aber ich denke, dass Martin ihn sicher unterstützen wird.
Das glaub ich nicht. Martin ist schließlich mein Schriftführer.
Was heißt hier DEIN Schriftführer? Ein Schriftführer hat positiv über seinen Vorstand zu berichten. Ist dir in den letzten Protokollen nicht aufgefallen, wie sehr sich Martin mit allen positiven Äußerungen über dich und alles, was du z.Z. planst, zurückhält. Kein Lob von wegen, was du für tolle Ideen hast und wie super du unser gemeinsames Konzert mit dem Nachbarchor vorbereitet hast. Lies dir mal die Protokolle von unserem letzten Schriftführer durch. Die konntest du bei der Hauptversammlung 1:1 übernehmen und vorlesen.
Und wer sonst noch?
Sicher die Christel, deine großartige Frauenreferentin. Du musstest sie ja unbedingt haben. Wie die sich ständig für ihre Frauen einsetzt, als ob der ganze Chor nur aus Frauen bestehen würde. Dabei war unser Liederkranz mal ein Männerchor, und was für einer! Mit über 100 Sängern! Männern!
Sogar eine eigene Frauengruppe hat sie jetzt angefangen, eine Müttergruppe: Singen mit Kindern. Da kann ich nur lachen, die werden sich die ganze Zeit darüber Gedanken machen, wann und wie sie die Macht im Chor übernehmen können. Nur über meine Leiche, sag ich dir!
Mensch Werner, du siehst Gespenster. Warum sollten die etwas gegen Thilo
haben? Thilo ist ein prima Chorleiter. Was der in nur 12 Monaten aus dem Jungen Chor gemacht hat, den Liederhausen im letzten Jahr gegründet hat!
Aber nur englische Sachen singen sie, und das ist nicht gut für unseren Chor.
Erstens einmal singen die auch jede Menge deutscher Lieder, und zweitens: Bist du jetzt für oder gegen mich?
Natürlich bin ich für dich. Ich sag ja nur, was man so hört.
Und was hört man?
Dass es einfach nicht in Ordnung ist, einem Chorleiter, der seinem Verein über 30 Jahre treu geblieben ist, den Stuhl vor die Tür zu setzen.
Genau das stimmt nicht. Das musstest du doch besser wissen. Wie sieht’s denn aus in unserem Chor? Außer der Mutter-Kind-Gruppe tut sich nichts. Jeden Dienstag lernen wir irgendwelche Lieder für irgend ein Konzert. Keine neuen musikalischen Ideen. Glaubst du, dass wir das Konzert mit dem Nachbarchor gemacht hätten, wenn ich nicht darauf bestanden hätte? Soll ich dir mal was sagen? Das klingt jetzt hart, aber der Christoph ist dem Chor auch deswegen seit 30 Jahren treu, weil er mit dem Chorleitergehalt sein Haus abbezahlt hat. Rechne doch mal. Früher hat er zwar nur 100 und dann 150 Mark gekriegt, aber seit 10 Jahren bekommt er 400 Mark im Monat, das sind 200 Euro. Ich hab’s zusammengezählt, das sind fast 70000 Mark in 30 Jahren. Jetzt ist sein Haus abbezahlt, jetzt hat er auch keine Ideen mehr. Ich glaub, er traut sich einfach nicht ran an die modernen Sachen.
Und genau davor hat der Martin Angst.
Dass wir nur noch modernes Zeug singen. Also hast du doch mit Martin gesprochen?
Nein, das hat er irgendwann einmal zu mir gesagt. Und viele andere denken genau so.
Aber die wissen doch gar nicht, was der Thilo vorhat! Und überhaupt muss ich dir noch sagen, dass ein Schriftführer im Protokoll nicht seinen Vorsitzenden zu loben hat. Wenn ich von meinem Schriftführer auch nur einen persönlichen Kommentar im Protokoll finden würde, würd ich ihm das um die Ohren schlagen. Protokoll heißt: wiedergeben, was besprochen wurde, nicht seine eigene Meinung aufschreiben. Das macht der Martin ganz einwandfrei.
Aber der Christoph hat jede Menge Freunde im Chor. Und die werden ihn nicht fallen lassen.
Er soll ja auch nicht fallen. Alles, was er soll, ist, den Platz frei machen für frischen Wind. Jeden Dienstag, wenn ich ins Probelokal komme, reiß ich die Fenster auf und denk mir: wenn ich diesen Geruch mit verbundenen Augen irgendwo auf der Welt riechen würde, in Texas, Hongkong oder Timbuktu, ich würde wahrscheinlich sofort anfangen zu singen: “Ein Sträußchen am Hute”.
Da tust du dem Christoph jetzt aber unrecht.
Ich tu ihm gar nicht unrecht. Er selbst hat mir gesagt, wenn ich jemanden finde, der neue Ideen hat, soll ich ihm Bescheid geben. Er würde unseren Liederkranz nie hängen lassen. Aber er merkt auch, dass die Luft raus ist.
Das hat er selbst gesagt?
Hat er. Und deswegen bekommt er ein Superabschiedskonzert. Da wird er seinen Dirigentenstab persönlich an Thilo übergeben.
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