“Meine lieben Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, Sie haben mich nicht gewählt, damit alles beim alten bleibt.
Sie wollen neue Ideen, neue Rezepte, neue Erfolge, kurzum: Visionen für die Zukunft. Ich werde Ihnen diese Visionen geben und – was viel wichtiger ist – verwirklichen. Ich werde aus unserem Liederkranz mit seinen 83 Sängerinnen und Sängern in wenigen Jahren einen international renommierten Konzert- und Musicalchor formen, einen Chor, vor dessen Tür die jungen Menschen Schlange stehen, um aufgenommen zu werden.
Heftiger Beifall des gesamten Vorstands
Wir wollen uns nicht zufrieden geben mit den Freundschaftssingen in Basserhofen und Altenach. Unsere Bühnen stehen in Stuttgart, in Berlin, in Italien, Frankreich und Spanien. Wir wollen internationale Kontakte aufbauen und pflegen. Wir wollen Partner der Unesco sein, wollen Frieden schaffen mit musikalischen Waffen. Chorfelden wird seinem Namen alle Ehre machen und ein Zentrum des Chorgesangs in Deutschland – was sage ich – in Europa werden. Dafür aber ist es wichtig zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen, was wir nicht getan haben bisher und was wir unbedingt tun müssen. Wir brauchen vorab eine eigene Vereinsphilosophie, die über unserer Satzung steht, die sozusagen die geistigen Impulse für unser Tun liefert.
Fragende Gesichter im Vorstand
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hab mir die Mühe gemacht und ein paar Punkte, die mir besonders wichtig erscheinen vor dem Hintergrund der von mir geplanten globalen Choroffensive, zusammengefasst und zu Papier gebracht unter dem Motto: Humanität durch Qualität – Qualität durch Humanität.
Kassier und Schriftführer des Vereins bitten um kurze Unterbrechung der Sitzung wegen eines “humanen Anliegens”; allgemeine Heiterkeit.
Liebe Sangesfreunde, 5 Punkte sind es, die ich zum Kern unserer neuen Vereinsphilosophie machen möchte:
1.Unsere Stimme – das sind wir. Singen ist für uns die höchste Form der Selbstverwirklichung.
2.Singen macht Freude, Singen macht Spaß
3.Was uns Freude macht, soll auch anderen Freude machen. Deswegen wollen wir in Zukunft nur das singen, was auch anderen Freude macht.
4.So pflegen wir unsere Sangeskultur und erreichen gleichzeitig ein humanes gesellschaftliches und politisches Anliegen: Freude und Frieden.
5.Kompetenz ist unsere Stärke, Qualität unser Weg. So erreichen wir unser Ziel: die Humanität. Wenn wir diese 5 Leitsätze einhalten, wird mir um die Zukunft des Liederkranz Chorfelden nicht bange sein. Ich möchte den ersten Teil unserer Vorstandssitzung mit einer Abstimmung beschließen und Sie bitten, diesen für unsere Zukunft so elementaren Gedanken zuzustimmen. Wir wollen Sie die “Chorfeldener Chorthesen” nennen.
Beifall des Vorstands. Einstimmige Verabschiedung der “Chorfeldener Chorthesen”.
Sitzungspause.
Kommentare auf Damen- und Herrentoilette, aufgeschnappt während der Sitzungspause: “Und was wird jetzt aus unserer Kindergruppe?” – “Der geht aber ran” – “Neue Besen …” – “Hast du das alles verstanden, was der vorhat?” – “Wie lang soll die Sitzung heute gehen?”
Werner Huber, von Beruf Chef einer kleinen Werbeagentur in Chorfelden und neugewählter Vorsitzender des örtlichen Liederkranz, war in seinem Element. Reden konnte er, Ideen entwickeln und andere begeistern, so sehr, dass die mit ihm gerne den Boden unter den Füßen verloren. Im zweiten Teil der Vorstandssitzung ging es um den Terminkalender des Vereins, die nächsten Auftritte und die geplante Kindergruppe.
Die Uhr zeigte inzwischen 21:25.
Wir beschließen die Sitzung, denn alles, was jetzt kommt, kam, wie’s kommen musste. Alle bisherigen Projekte wurden vorerst auf Eis gelegt zugunsten eines “höheren” bzw. “höherwertigen” Ziels. Dieses Ziel war aber ebenso wenig real wie ein Papstbesuch in Eggenfelden oder ein Tanztee mit den Berliner Philharmonikern im Refektorium der Landesakademie Ochsenhausen.
Zum Glück hatten die Chorfeldener* Sängerinnen und Sänger eine nicht allzu geringe Portion gesunden Menschenverstandes. Da auch nach einem halben Jahr außer markigen Marketingsprüchen noch immer nicht viel Konkretes rübergekommen war und der Chorleiter in der Sängerzeitung gelesen hatte, dass man auch ohne Vereinsphilosophie und Partnerschaft unter dem Dach der UNESCO, z.B. in Paris singen konnte, schickte man den “GURU” – so nannten ihn die Vorstandskollegen inzwischen – “in die Wüste”. Es wurde alles gut.
*Sparen Sie sich den Blick in die Landkarte. Diesen Ort gibt es definitiv nicht. Wir haben den Originalnamen selbstverständlich geändert.
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