Sehr geehrter Herr Walter B., als Vorsitzender des hiesigen Liederkranz möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Mitglieder unseres Vereins einhellig empört sind über den Bericht, den Ihre Mitarbeiterin über unser Adventskonzert geschrieben hat. ...
Sollten Sie sich nicht schriftlich bei uns entschuldigen, werden wir uns an die Geschäftsleitung Ihrer Zeitung wenden und unsere Mitglieder dazu auffordern, Ihre Tageszeitung in Zukunft zu boykottieren und ihre Abonnements abzubestellen. Mit vorzüglicher Hochachtung … !”
Es war einmal ein junger Redakteur bei der Tageszeitung. D.h. eigentlich war es gar kein Redakteur. Nicht einmal ein Mann war es. Es war das, was in der deutschen Sprache sächlichen Geschlechts ist: ein Mädchen. Katja S. hieß „es”. Wir haben den Namen natürlich geändert. Dafür war ihr Chef ein Mann. So wie meistens. Walter B. hieß er. Auch er war noch jung. Seinen Namen haben wir übrigens nicht geändert. In unserem Fall wäre er gerne kein Mann und schon gar kein Chef gewesen. Aber eine solche Entscheidung ließ sich nun nicht mehr rückgängig machen, genau so wenig wie die Kritik des Mädchens – nennen wir sie trotz ihrer erst 17 Jahre „junge Frau” – über das Adventskonzert des Gesangvereins Liederkranz. Denn damit fingen die Leiden des jungen W. an. Was war geschehen?
Katja S., Schülerin, kurz vor dem Abitur stehend, Musikmentorin und deswegen geradezu prädestiniert, für die örtliche Tageszeitung Vereinskonzerte zu besuchen und zu besprechen, Katja hatte bei ihrer Mentorenausbildung eine Menge über Stimmbildung und homogenen Chorklang gelernt. Genau diese beiden Elemente vermisste sie im Adventskonzert des Liederkranz. Die 31 Männer hatten den „immergrünen Tannenbaum” allzusehr durchs rhythmische Grobsieb rutschen lassen, Punktierte wurden zu Achteln und die „Hoffnung und Beständigkeit” gab unserer jungen Kritikerin Trost und Kraft zu keiner Zeit. Hinzu kam diese hohe Stelle im traditionellen Abschlusslied der jährlichen Liederkranz Adventskonzerte – Sie ahnen es: „Schlaaaf in hii-immlischer Ruhuh …”
Das war so jenseits von Gut und Böse, dass nicht nur der katholische, sondern auch der evangelische Weihnachtsfrieden im 1. und 2. Tenor erheblich darunter leiden sollten. Denn Katja erlaubte sich in einem kleinen Satz ihrer Kritik darauf hinzuweisen. Es war nicht böse gemeint, nur als Hilfe gedacht, und so ein wenig wollte Katja S. auch zeigen, dass sie sehr wohl wusste, wovon sie schrieb. Der Satz lautete: „Bei den traditionellen Weihnachtschorsätzen waren die Schützlinge von Joachim S. emotional sehr engagiert, was hin und wieder auf Kosten der rhythmischen Genauigkeit und eines gepflegten Tones ging.”
101 Jahre war der Liederkranz nun alt, im Jahr zuvor hatte er die Zelter Plakette erhalten. Nein, so etwas musste er sich in seiner umfangreichen Geschichte – immerhin nachzulesen in der 90 seitigen Jubiläumschronik – noch nie vorwerfen lassen. Und das von einem jungen Mädchen, das gut und gerne Enkelin eines jeden Sängers hätte sein können, bei manchen sogar Urenkelin. Was freilich noch schlimmer zählte, war der „Tatort Tageszeitung”, die über 80% aller Mitglieder abonniert hatten. Wie gesagt, der ökumenische Weihnachtsfriede war gestört und es blieben nur noch 6 Tage bis zum Heiligen Abend, um die Emotionen in den Griff zu bekommen.
Dem Brief an Walter B. war eine Vorstandssitzung des Liederkranz vorangegangen mit allen Argumenten für und wider die Pressefreiheit bezüglich Ehrenamt und Chorgesang. Je später der Abend im Nebenzimmer der „Traube”, desto besser und bedeutsamer machten die getrübte Erinnerung und der reine Wein das 2 Tage zurückliegende Konzert.
Gegen 22:30 Uhr beschloss der Vorstand schließlich, noch hier und heute und zur selben Stunde eine eigene Kritik für das Gemeindeblatt zu verfassen, die objektiv und ohne Wertung das Konzert wiedergeben und all jenen einen Eindruck vermitteln sollte, die nicht dabei waren am vergangenen Sonnabend:
“Die Gemeindehalle platzte auch in diesem Jahraus allen Nähten, als der Liederkranz zu seinem traditionellen Adventskonzert mit vielen beschwingten, aber durchaus zum Nachdenken anregenden Liedern einlud. Chorleiter Joachim S. (*) hatte ein vielschichtiges und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt; alle Chorvorträge waren ausschließlich auf die Adventszeit bezogen. Ein besonderer musikalischer Leckerbissen war die Aufführung der Kanonmesse eines zeitgenössischen österreichischen Komponisten. Aber auch sonst beeindruckte der Männerchor mit kraftvollen Vorträgen u.a. in dem adventlichen Zyklus „Es kommt ein Schiff geladen”. Ebenfalls ein Glanzpunkt war der Auftritt des Gesangstrios „Die drei Weihnachtsmänner” aus Mitgliedern des Chores, einfühlsam begleitet von der hervorragenden Pianistin Elke Weiss.
Vor einem einfachen, aber in seiner Wirkung herausragenden Bühnenbild begann im 2. Teil des Konzerts eine vorweihnachtliche Reise durch alle 5 Kontinente. Das gepflegte Chorsingen äußerte sich nicht nur in einer sicheren Intonation und einem homogenen Chorklang, sondern auch in einer fein abgestimmten Dynamik. Chormitglied Hermann Maier bereicherte die abendliche Besinnung mit Gedanken zur Weihnachtszeit und Chorvorstand Reinhold Winz überraschte mit der Entstehungsgeschichte des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht” gar manchen Besucher im hervorragend besuchten Adventskonzert. Mit diesem Lied und nicht enden wollendem Beifall schloss die adventliche Reise in der zauberhaft weihnachtlich geschmückten Halle.”
(*) alle Namen sind frei erfunden.
PS: „Haben Sie’s nicht ‘ne Nummer kleiner?” sagt der Berliner. Kann das Ergebnis unseres schönen Hobbies nicht einfach „gut” sein ? Und wenn wir mal nicht so gut sind und es merkt jemand, wollen wir dann unsere Kritiker überzeugen oder uns selbst? In diesem Sinne Ihr Wolfgang Layer
PS 2: Der Bericht stand tatsächlich 4 Tage später im Gemeindeblatt.
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