Der wachsende Erfolg der “JUNGEN CHÖRE”-
nur eine Zeiterscheinung oder der Weg in die Zukunft
Zur Zeit erleben wir in unserer Region (Süd- und Vorderpfalz) eine Gründungswelle von “Jungen Chören” bzw. “Projektchören”. Was macht diese Chöre eigentlich so interessant? Warum erleben diese teilweise einen so immensen Zulauf? Im Folgenden möchte ich versuchen auf diese Fragen einige Anworten zu geben, die sich auf meine Erfahrung mit solchen Chören begründen. Ich leite seit 10 Jahren den Jungen Chor Hochstadt, der dem MGV 1860 Hochstadt angegliedert ist. Der Junge Chor Hochstadt wurde im Jahre 1990 von dem MGV 1860 ins Leben gerufen. In den ersten 2 – 3 Jahren versuchte man sich mit gängiger Chorliteratur bekannt zu machen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Als ich den Chor übernahm, zählte er gerade 15 Sänger/innen. Warum hatte dieser Chor bis dahin nicht den nötigen Zulauf?Aufgrund meiner gesammelten Erfahrungen bei Wolfgang Diefenbach in Aschaffenburg wollte ich die Pop-Chormusik mehr populär machen. Ich fing also in Hochstadt an neben den üblichen Gospels und Folklore-Liedern, erste einfache Popsongs einzuüben. Nachdem diese u.a. in einem ersten Konzert vorgestellt worden sind, bekam der Chor auch sofort Zulauf. Wir sind auf diesem musikalischen Wege geblieben und singen heute neben Pop auch zum Teil anspruchsvolle Jazz-Chormusik. Der Chor hat seinen musikalischen Geschmack gefunden und ist auf nunmehr fast 60 Sänger/Innen angewachsen. Nachstehende Punkte halte ich aus meiner Erfahrung für wichtig, damit ein solcher Chor auch auf Dauer bestehen kann:
1. Wahl der Literatur
Aus meiner bisherigen Arbeit habe ich den Eindruck gewonnen, daß die Wahl der Literatur eine wesentliche Rolle spielt. Frauen und Männer zwischen 20 und 35 Jahren wollen die von den “Erwachsenenchören” gesungene Literatur nicht übernehmen. Zum Einen weil diese für veraltet angesehen wird, zum Anderen weil die Art der Komposition bzw. der Text an diese Altersgruppe keine Herausforderung stellt und somit keinen Spaß macht. Mit Art der Komposition meine ich hier die doch mehrheitlich durch die “romantische Silcher- und Schubertbrille” terzverseuchten Stücke, die i.d.R. mehrstrophig bei gleicher Struktur arrangiert sind.Da hat sich gezeigt, daß die teilweise für unsere Deutschen Verhältnisse ungewohnte Art der amerikanischen Arrangements von Emerson, Shaw, Billingsley, Chinn etc. wesentlich mehr Freude bereiten, da sie abwechslungsreicher gestaltet sind. Da ist es nicht verpönt ein-, zwei- bzw. dreistimmige Elemente mit Abwechslung bei der Melodieführung einzubauen. Dabei kommt es noch nicht einmal auf die englische Sprache an wie viele Kritiker meinen. Ich habe auch schon deutschsprachige Literatur, die wie oben beschrieben teilweise bearbeitet wurden, mit diesem Chor einstudiert wie z.B. Ein Freund, ein guter Freund, In der Bar zum Krokodil. Ich denke das Grundproblem hierbei ist, daß sich der Musikgeschmack der Menschen gewandelt hat. 60jährige Männer und Frauen sind mit einer ganz anderen Musik groß geworden wie heute 25jährige. Dies sollte man auch in der Chorliteratur berücksichtigen.
2. Unterstützung durch die Vorstandschaft des Trägervereins
Den Sängern des Männerchors Hochstadt ist es mittlerweile bewußt, daß die musikalische Zukunft wie es sich zur Zeit darstellt beim Jungen Chor liegt. Der Männerchor selbst hat ein Durchschnittsalter von fast 60 Jahren. Da kann man es sich bei unwesentlichen Neuzugängen selbst ausrechnen wie lange er noch als Männerchor musizieren kann. Deshalb wird der Junge Chor ideell und materiell unterstützt z.B. durch Anschaffung eines Digital-Pianos, finanzielle Trägerschaft von Chorwochenenden, Chorreisen und Workshops etc. Mann erwartet auch nicht, daß von den Sängern des Jungen Chors einige in den Männerchor wechseln. Das ist m.E. nach eine wichtige Voraussetzung. Viele ähnliche Projekte in unserer Gegend sind an diesem Umstand gescheitert, weil der Erwachsenenchor zu sehr diesbezüglich gedrängt hat und deshalb die Leute im Jungen Chor weggeblieben sind. Solche Jungen Chöre müssen sich selbständig und ohne Druck durch den Trägerchor entwickeln können
3. Erarbeitung der Literatur mit Einbeziehung der Sänger/innen.
In den meisten Chören sind die Leute gewohnt, daß der Chorleiter allein die Art des Vortrages eines Stückes bestimmt. Ich versuche dagegen wo es möglich ist, die Sänger/innen mit einzubeziehen in der Art der Gestaltung und des Vortrages. Da werden z.B. bei Popsongs oft Vorschläge gemacht, die sich am Original orientieren und die mir manchmal nicht so geläufig sind, wie meinen Sänger/innen, die ja die Songs gut kennen. Dies hat natürlich auch zur Folge, daß die vorgetragen Stücke mit mehr Engagement durch den Chor gesungen werden. Auch die Programmgestaltung bei Konzerten überlasse ich mittlerweile überwiegend den Sänger/innen. Dadurch werden die Sänger/innen mehr in die Verantwortung der Konzerte und Auftritte mit eingebunden. Man muss natürlich dabei aufpassen, dass dieses Einbeziehen auch Strukturen hat, sonst verzettelt man sich oft gerne in den Übungsstunden.
4. Verzicht auf Teilnahme an Freundschaftssingen, Singen bei geselligen Veranstaltungen etc.
Ich verzichte ganz bewußt auf Teilnahme von sogenannten Freundschaftssingen, bei denen man bei Beteiligung von oft bis zu 10 Chören und mehr mehrere Stunden warten muß, nur um dann 2 Lieder vortragen zu können. Dies ist auch bei der Struktur dieser Chöre oft nicht möglich. Viele meiner Sänger/innen haben Familien mit kleinen Kindern. Da ist es nicht möglich ständig solche Veranstaltungen zu besuchen, da dann oft ein Kindermädchen oder die Eltern zur Betreuung benötigt werden. Hier ist es wichtig, alle Veranstaltungen im Jahr genau und rechtzeitig zu planen, damit sich jeder darauf einstellen kann. I.d.R. habe ich mit dem Jungen Chor Hochstadt im Jahr 4 – 5 musikalische Veranstaltungen, wobei der Schwerpunkt deutlich auf der Durchführung von Konzerten oder Konzertteilnahmen liegt. Zudem muß man sich grundsätzlich überlegen, ob diese Art der Freundschaftsingen überhaupt noch zeitgemäß ist. Meiner Ansicht nach nicht, denn man schottet sich innerhalb der Chorszene in sich ab und hat keine “Außenwirkung”. Bei vielen Chören kann ich beobachten, dass mit den Sänger/innen auch das Puplikum “überaltert” und manche Chöre mit Ihrem Puplikum aussterben. Es ist wichtig neue Puplikumsschichten zu erschließen. Dies geht nicht, indem man sich als Chöre gegenseitig was vorsingt, oder nur eigene Konzerte vor dem jahrelang fast gleichen Puplikum durchführt. Man muß neue Möglichkeiten suchen und dort hingehen, wo man auf ganz anderes Puplikum trifft, das nicht unbedingt das gängige Konzertpuplikum ist, um so neue Interessenten für den Chorgesang zu begeistern, oder zumindestens dafür zu interessieren.
5. Regelmäßige Präsentation in der Öffentlichkeit durch Konzerte und Durchführung von regelmäßigen Chorwochenenden und Workshops mit namhaften Dozenten wie z.b. Wolfgang Diefenbach und Dr. Becker.
Auch für diese Chöre ist es wichtig ein Ziel vor Augen zu haben. Deshalb planen wir im Jahr ca. 2 Konzerte, auf die wir dann gezielt hinarbeiten. Dabei ist festzustellen, daß die Leute sehr angagiert mitarbeiten und Sonderproben oder Chorwochenende dafür sehr gut frequentiert werden. Eine sinnvolle Unterstützung sind auch sog. Workshops, bei denen wir mit speziellen Themen von einem Fachmann Stücke erarbeiten, die uns teilweise neu sind z.B. Jazzchormusik und somit der Chor auch musikalisch weitergeführt wird. Als Dozenten hatten wir in den vergangenen Jahre Wolfgang Diefenbach, Matthias Becker und den Leiter des Freiburger Jazzchors Bertrand Gröger.
Dezember 2002
Frank Montillon