Die Zukunft der MännerchöreDie Zukunft der Männerchöre

Männerchor – Eine aussterbende Gattung?

Männerchöre haben es zur Zeit schwer. Selbst manche Verantwortlichen in unseren Dachverbänden sehen für diese Chorgattung keine Zukunft mehr. Viele Musikverlage bemühen sich überhaupt nicht mehr neue Literatur für Männerchöre auf den Markt zu bringen. Altes Liedgut, das schon seit über 30 Jahren gesungen wird, stellt immer noch den Schwerpunkt des Repertoires der meisten Männerchöre dar. Junge oder vielmehr jüngere Sänger fehlen. Man ist ja schon froh wenn ein 55jähriger Frührentner den Weg in den Chor findet.

Gibt es da überhaupt noch Möglichkeiten und Wege den Männerchorgesang wieder attraktiv und zeitgemäß zu gestalten, oder ist der Zug bereits abgefahren?
Die Problematik für die Männerchöre stellt sich mir wie folgt dar:

1.
Ich denke dass der Männerchorgesang in Zukunft ein Hobby bzw. eine Vorliebe sein wird, für eine eher kleine Schicht in unserer Bevölkerung.
Die Massenbewegung Männerchor wird vorbei sein bzw. neigt sich seinem Ende zu. Daraus kann man ableiten, dass die Männerchöre in Ihrer Zahl drastisch abnehmen und die verbleibenden Chöre eher von kleiner Sängerzahl sein werden.

2.
Die zur Zeit vorhandene Vereinsstruktur ist veraltet. Junge Leute, die sich im Chorgesang engagieren, wollen zwar singen, jedoch nicht in der speziell Männerchören eigenen “Vereinsmeierei”, d.h. Ständchensingen mit anschließendem großem “Abfeiern”, Freundschaftsingen, in denen man sich nur gegenseitig was vorsingt, und trotzdem keinen interessiert was der andere vorträgt, überalterte Literatur singen (Text, Satzstruktur), Sie wollen in Konzerten zeigen was sie gesanglich können und sich dort ihre Bestätigung holen.

3.
Die Leistungsbereitschaft ist bei vielen Männerchören nicht oder nur bedingt vorhanden. Im Zeitalter der “Back Street Boys” wollen die jungen Männer etwas leisten und bei Ihren Auftritten “ankommen” und nicht langweilige Lieder über Wandern, Liebe und Wein singen. Das zeigt sich auch in den Singstunden, wo die älteren Männer gerne Lieder üben und singen wollen, aber nur nicht zu viel und zu stressig. Diese Haltung schreckt oft leistungsbereite Junge Männer ab in einen vorhandenen Männerchor zu gehen.

4.
Die überwiegende Zahl der Männerchorliteratur ist veraltet und entspricht nicht dem Geschmack eines modernen jungen Publikums. Bei uns kann man beobachten, dass bei vielen Chören außer den Angehörigen der Sänger und guten Bekannten, die über lange Jahre schon zu Konzerten oder Liederabenden des Vereins gehen, kein anderes Publikum vorhanden ist. Bei vielen Chören geht deswegen nicht nur die Zahl der Sänger zurück, sondern das Publikum stirbt langsam aus und neue Publikumsschichten rücken nicht nach. Gerade bei Männerchören fehlt da oft die Generation der 35 – 45 jährigen als Zuhörer und somit kann man natürlich auch bei denen keine Werbung für den Gesang machen um sie vielleicht für das Chorwesen zu interessieren.

5.
Englische Literatur zu singen ist bei Männerchören nicht der Ausweg für eine modernere Ausrichtung. Die englische Sprache ist es nicht, die Chorgesang interessant macht, sondern die Art der Arrangements aus dem englischsprachigen Raum. Ich kenne mich aufgrund meiner Arbeit mit den Jungen Chören da sehr gut aus und kann sagen, dass diese Stücke einfach besser gemacht sind. Dort gibt es keine mehrstrophigen Lieder mit gleicher Satzstruktur, da wird oft eine gut gelungene Mischung aus einstimmig, zweistimmig und vierstimmig Gesang in einem Lied bei wechselnder Melodie-führung in den Stimmen arrangiert, die natürlich auch von ihrem Rhythmus her wesentlich variantenreicher gemacht ist wie unsere “ver-Silcher-ten” Männerchorlieder. Diese Art der Literatur fehlt uns im deutschsprachigen Raum.

6.
In der gesellschaftliche Darstellung des Mannes heute ist es nicht “cool”, “schick” oder “in” zu singen. Ein junger Mann der singt gilt als verweichlicht und eher weiblich. “In” sind nur sog. “Karaoke-Singen”, wo man Lieder eines bekannten Popstars singen kann und sich dadurch den Anschein gibt, auch so zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass Singen wieder im Kindergarten und der Schule beginnt, um so diese Vorurteile speziell bei dem männlichen Geschlecht früh abzubauen.

7.
Wie schlägt man im Männerchor eine Brücke zwischen den Generationen. Auch in meinen Männerchören gibt es jüngere Sänger die gerne mehr machen wollen und auch modernere und schwierigere Sachen singen könnten. Jedoch kann ich diese nicht machen, da die älteren Sänger damit überfordert wären. Gehe ich nur auf die jüngeren Sänger und deren Wünsche und Bedürfnisse ein, bleiben mit Sicherheit die “Alten” mit der Zeit weg. Aber gerade die waren es, die den jeweiligen Chor nach dem Krieg aufgebaut und mit Leben gestaltet haben. Die gerade in schwierigen finanziellen Zeiten mit ihrem Engagement und viel Eigeninitiative ihren Verein unterstützt haben. Auf der anderen Seite wenn ich nur die Bedürfnisse der älteren Generation bei der Literaturauswahl beachte, bleiben mir die “Jungen” weg. Eine für mich nicht zu unterschätzende Problematik.

Fazit:
Ich denke es wird gerade für die Zukunft der Männerchöre entscheidend sein, wie veränderungswillig sie sind. Es wird zunehmend wichtiger sein, innerhalb des Chors in sogenannten “Projektchören” Dinge anzubieten, die nur einen Teil der Sänger anspricht, um damit diese zu motivieren. Dies kann z.B. ein Projektchor für Popmusik innerhalb des Männerchors sein, der natürlich als Zielgruppe die jüngeren Sänger anspricht. Dies kann aber auch ein Projekt mit anspruchsvoller zeitgenössischer Literatur sein, die man aufgrund des Anspruchs auch nicht mit dem Gesamtchor machen kann. Um diese Dinge auch umsetzen zu können, ist natürlich bei jedem Sänger Flexibilität gefordert. Die für alle regelmäßige Singstunde wie sie seit Jahrzehnten durchgeführt wird, muss dafür umgestaltet werden, was die Akzeptanz aller voraussetzt. Und gerade da liegt eines der Hauptprobleme unserer Männerchöre. Es fehlt überall an dem Willen auch nur ein klein wenig den lange Jahre gewohnten Rhythmus zu verlassen. Dies ist aber dringend notwendig um gerade nach Außen hin wieder als Männerchor attraktiv zu werden und somit den Männerchorgesang, in welcher Form auch immer, für die Zukunft zu erhalten. Vorbei sind die Zeiten wo gestandene Männerchöre mit stolz geschwellter Brust die “Lorelei” besingen. Selbst heute 50jährige wollen mittlerweile andere Literatur singen. Das erlebe ich immer wieder, wenn sich meinen jungen Chören neue Leute anschließen, die in diesem Alter sind. Sie gehen gerade deswegen nicht in die “herkömmlichen Chöre”.

Es wird sicherlich nicht leicht sein für Männerchöre, Wege und Möglichkeiten zu finden um den Chorgesang zu erhalten und fortzuführen. Es ist dabei sehr viel Offenheit und Toleranz gefragt, und auch Mut neue Dinge auszuprobieren, auch wenn man damit mal zunächst scheitert.
Aber auch unsere Dachorganisationen haben die letzten Jahre meiner Meinung nach geschlafen. Anstatt neue Arrangeure und Komponisten stärker zu fördern, um somit neue Ideen in den Chorgesang zu bringen, konzentrierte man sich auf Selbstbeweihräucherung in Form von Massenveranstaltungen, bei denen die Mehrheit der Zuhörer nur aus den eigenen Reihen kamen und oft eine “Außenwirkung” vollständig fehlte. Da sind gezielte kleinere Veranstaltungen mit durchdachtem Programm oft wesentlich effizienter und wirkungsvoller, oder macht es etwa Sinn wenn man bei einem Chorfest eines Landesverbandes beim Offenen Singen auf dem Marktplatz zu 90% nur die Sänger/innen der dort teilnehmenden Chöre als Zuhörer hat?

Dezember 2002
Frank Montillon

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