
Der Bericht von Otmar Stangl deckt auf wie notwendig eine Grundlegende Reform im Laienchorbereich ist und zeigt uns Lösungswege aus der Krise.
Analyse
Vor ungefähr 25 Jahren sprach ich mit einem Berufskollegen anlässlich einer Generalprobe für ein gemeinsames Chorkonzert über die Perspektiven der Laienchöre. Er – Chorleiter eines Frauenchores mit ca. 30 Sängerinnen, ich – Chorleiter eines Männerchores mit ca. 28 Aktiven.
Beide waren wir uns einig, dass wir neue Wege beschreiten wollten, um das sich damals schon abzeichnende “Ende” unserer Chöre zu verhindern. Wir waren uns ebenso einig darüber, dass eine “Reform” unserer beiden Laienchorvereine nicht nur auf positive Resonanz seitens der Aktiven stoßen, sondern viele kontroverse, aber auch “bösartige” Diskussionen auslösen würde.
Gemeinsam erstellten wir eine Analyse der jeweiligen Vereinsstrukturen, stellten Wünsche und Ziele der Aktiven wie auch der Chorleiter der Realität gegenüber und stellten sehr schnell fest, dass nur wenig von dem umgesetzt wurde, was wir als dringend erforderlich lange zuvor angeregt hatten. Dabei befanden wir uns eigentlich in einer grundsätzlich vorteilhaften Position: Wir beide waren erfahrene Chorleiter – Profis, die also genau wussten, wo der “Schuh” wirklich “drückte”.
Vor einem Jahr trafen wir uns zufällig wieder und tauschten natürlich unsere Erfahrungen aus. Bilanz nach 25 Jahren: Beide Chöre, denen wir längst den Rücken gekehrt hatten, existierten nicht mehr. Grund: Unser damaliger Reformvorschlag wurde als “zu radikal” abgelehnt – einstimmig. Beide Ensembles hatten jeweils “opportune” Kollegen verpflichtet, die, mangels eigener Fähigkeiten, den “Karren” vollends Richtung Untergang fuhren. Und heute? Die Probleme, die wir damals hatten, sind – und das ist höchst besorgniserregend – aktuell nicht nur die gleichen, sondern haben sich dramatisch potenziert. Folge: Der “Fusion” folgt bald das “Aus”.
Chorleiterausbildung
Viele Chorleiter(innen), damals wie heute, sind nicht hinreichend ausgebildet. Ihnen fehlen u.a. elementare musiktheoretische Grundkenntnisse wie Harmonielehre, Kontrapunkt, Satztechnik (Tonsatz), Klavierspiel, Musikgeschichte, Gehörbildung u.v.m.. Ein wesentlicher Mangel besteht auch in der psychologischen (didaktischen) Gestaltung der Probenarbeit. Hierzu fehlen Führungsqualitäten, Methodik sowie nicht zuletzt lapidar “Temperament” und Begeisterungsfähigkeit. Darüber hinaus sind manche Chorleiter kaum in der Lage, neue Chormusik einzustudieren, da der eigene fachliche “Zenit” schnell erreicht ist, das Leistungsvermögen des Chores aber mitnichten. So werden Chöre systematisch unterfordert und “verbildet”. Diese schon absurde Züge tragende Realität sorgt natürlich nicht gerade für Aufbruchstimmung. Das Fatale an dieser Feststellung ist zudem, dass die meisten Chöre niemals den “wahren” Grund für die Ablehnung eines Stückes seitens ihres “Chefs” erfahren, da er ihr (zweifelhaftes) Vertrauen genießt.
Literaturauswahl
Hiermit ist wohl das größte Übel genannt. Viele Konzertprogramme sind – gestern wie heute – gespickt mit Stücken, die “immer wieder gerne gehört” werden. Gemeint ist die “Literatur”, welche aufgrund Ihrer kompositorischen Potenz zu keiner Zeit auch nur das Papier wert war, auf dem sie geschrieben wurde. Unter Fachkollegen bezeichnet man die Urheber dieser Machwerke auch gerne als “Pseudokomponisten”.
Wer – gleich in welcher Funktion – den Autoren und damit auch den Verlagen, die diese teilweise noch heute vertreiben, je eine Existenzberechtigung einräumte oder dies heute noch tut, der ist meines Erachtens – bewusst oder unbewusst – schuldig im Sinne der musikalischen Ethik und mitverantwortlich für eine wesentliche Ursache des rapiden “Chorsterbens”.
Es ist “Fünf nach Zwölf” bezüglich der grundsätzlichen Überlegung, was einen Chor wirklich weiterbringt und was ihn eher in seiner Entwicklung – auch bezüglich einer erfolgreichen Nachwuchsarbeit – massiv behindert. Hierzu bedarf es Sachverstand und einer endtabuisierten Aufklärung. Chorleiterseminare sollten sich mit diesem Thema konsequenter und ohne Angst vor Repressalien seitens der Verbände (denn das “Übel” sitzt auch dort, inmitten der “Propheten”) befassen, als dies in der Vergangenheit geschah. Die Tagesordnung meiner eigenen, höchst effizienten Seminare (Teilnehmer: Kollegen und Chor-Vorstände) sieht etwa folgendermaßen aus:
1. Was ist “gute Musik”?
2. Woran erkenne ich ein gutes Arrangement?
3. Wo finde ich gute Arrangeure/Komponisten?
4. Was “passt” zu meinem Chor?
5. Probleme mit der musikalischen Umsetzung?
6. Wie gehe ich mit Widerstand oder Vorbehalten um?
7. Englische Texte – ein unüberwindbares Hindernis?
8. Priorität Nr. 1 bei der Finanzplanung: Neue Literatur!
Ich selbst leiste meinen Beitrag hierzu auch musikalisch: “Selbst schreiben” heißt meine Devise. Das vermag nicht jeder Chorleiter, aber dafür gibt es Arrangeure, für die sich jede Investition lohnt. Lippenbekenntnisse gab es in der Vergangenheit genug. Jetzt sind Taten gefragt.
Vereinsstrukturen
Zu einem gut geführten Verein gehört ein im Sinne des Vereines handelnder Vorstand. “Handeln im Sinne des Vereines” setzt vor allem präventives und innovatives Denken voraus. Nicht nur die Wahl des Chorleiters oder der Literatur, sondern auch “vereinsimmanente Traditionen” sollten einer grundlegenden Überprüfung unterzogen werden. Es gibt nichts Fataleres, als die Pflege einer Haltung, die der übel riechenden Pflanze namens “Klischee” jeden Tag mit neuen Scheinargumenten und Ausflüchten Wasser gibt und damit für weitere frische Triebe zum Wohle der Gedeihung sorgt. “Lenken” bedeutet, dass man sich bewusst ist, in welche Richtung die Reise geht. Umkehren ist immer noch besser, als wachen Auges in den Abgrund zu fahren. Wenn die Angst vor “unpopulären Entscheidungen” das Handeln bestimmt, ist dies der Anfang vom Ende.
Otmar Stangl Oktober 2004
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