Es war einmal ein PunktwertungssingenEs war einmal ein Punktwertungssingen

Wenn man als Männerchor etwas auf sich hält geht man zu einem Punktwertungssingen. Dort kann man sich mit anderen Chören in der Leistung messen und kann dann beurteilen wo man selbst steht.

Das war grundsätzlich die Hauptmotivation, mit der man in den 80er und 90er Jahren auf solche Veranstaltungen ging. Als “Pfälzer” Chor traf man dann außer den Spitzenchören aus Baden und Hessen eigentlich immer auch auf diverse Pfälzer Chöre, wo verschiedene Vereine damals noch regelmäßig – wenn auch teilweise mit mäßigem Erfolg – an solchen Singen teilnahmen und sich mehr oder weniger auch gut präsentieren konnten.

Auch für den Männerchor in dieser Geschichte war das der Grund, um wieder einmal an einem solchen Punktwertungssingen teilzunehmen. Man hatte eh Verpflichtungen zu dem veranstaltenden Verein und zu einem langweiligen Freundschaftssingen, wo man vielleicht, wenn man Pech hat nachts um 23 Uhr mal 2 Lieder vor einem Publikum trällern kann, das eh nicht mehr zuhört., wollte man nicht gehen. Also meldete man sich voller Hoffnung zu diesem Singen an.

An einem nicht so schönen Samstagnachmittag war es dann soweit. Das Wertungssingen begann um 15 Uhr. Der Chor war um 15:30 vor Ort. Dort angekommen hatte der Wettbewerb schon angefangen und alles war in hektischer Betriebsamkeit. Der Veranstalter hatte für alles gesorgt, was wichtig war für so ein Punktwertungssingen: ein Bierstand, ein Wein- und Sektstand und das Essenszelt. Ach ja- und natürlich ein Saal der abgeschlossen war und in dem gesungen wurde.

Nun ging man mit frohem Mutes in den Saal und hörte sich die Vorträge der einzelnen Vereine an. Da staunte man nicht schlecht. Man kannte ja diese Wettbewerbe, war man vor ca. 10 Jahren selbst immer regelmäßig auf solchen Veranstaltungen. Aber was man da jetzt zu hören bekam, war sicherlich von der Schwierigkeit und der Qualität der Vorträge doch schon etwas anderes. Da waren Werke dabei die fast 10 Minuten gedauert haben und nur so von Schwierigkeiten gespickt waren. Da kam man sich mit seinen eigenen Stücken etwas verloren und fehl am Platze vor.

Jedoch die anderen Chöre, die man zunächst hörte, waren eifrig bei der Sache. Und einige Merkwürdigkeiten konnte man beobachten. Eigentlich war man als “normaler” Chorleiter immer der Meinung man hat ja seinen Chor im Griff. Doch weit gefehlt. Machten es doch andere Chorleiter dort vor, was man noch alles mit seinem Chor an Bewegungsabläufen auf kleinste Fingerzeige hin einstudieren konnte. Da kam ein Frauenchor mit ca. 45 Sängerinnen auf die Bühne. Zuletzt kam der “Maestro” dann dazu. Er stellte sich vors Dirigentenpult, schaute kurz in die Runde und da – man konnte es kaum sehen – ein kleiner Fingerzeig seiner rechten Hand und beim Frauenchor klappten die Sängermappen auf und wurden fast im rechten Winkel mit den Händen zum Gesicht gehalten. Meint man jedoch dies wurde in aller Ruhe getätigt – weit gefehlt, dies wurde mit einer Geschwindigkeit erledigt bei der man meinen könnte dies wurde in der Singstunde mit der Stoppuhr geübt. Wow! – denkt man sich dabei, irgend etwas mache ich da falsch.

Ein weiterer Chor beeindruckte durch seine gekonnte Abnahme des Tones und dessen Wiedergabe vor Beginn eines jeden Vortrages: Ein gemischter Chor stand auf der Bühne. Der Chorleiter vorm Pult gab ganz leise und fast heimlich die Anfangstöne des Stückes das man singen will für jede Stimmlage an, und dann – wieder eine dieser tollen Handbewegungen wie ich meine – die rechte Hand ging empor und der Chor gab ganz kurz – und wirklich nur ganz kurz! – zusammen die Töne wieder. Das hörte sich in etwas so an, wie wenn man bei sich am PC irgend eine falsche Taste gedrückt hat und der PC eine Fehlermeldung in Form eines kurzen eindringlichen Geräusches von sich gibt. Imposant. Sollte ich mir wirklich auch mal überlegen irgend so eine tolle Handbewegung zuzulegen.

Solche Wertungssingen sind ja wirklich todernste Angelegenheiten und deswegen muß auch die für diese Veranstaltung passende Chorkleidung getragen werden. Am Besten Anzug mit Krawatte und darunter noch eine Weste. Ganz toll finde ich es, wenn zu einem weißen Hemd noch eine weiße Weste getragen wird. Ist sicherlich der Würde der Veranstaltung angemessen.

Auch die Chorleiter sind sich des Ernstes der Lage bewusst und drücken dies gekonnt durch diverse Mimik und Gesichtsbewegungen aus. Da werden voll konzentriert Hände vors Gesicht geschlagen, gebannt auf die Bühne gestarrt wenn die Konkurrenz singt, ob man vielleicht dann ganz genau einschätzen kann ob der Chor nun besser oder schlechter ist als der eigene.

Auch die Wertungsrichter geben ein würdevolles Bild ab. Hoch oben auf einem Podest in Bühnenhöhe ca. 10 Meter vor der eigentlichen Bühne hingepflanzt., deuten sie den auf der Bühne stehenden Chören mit majestätischen Gesten den Beginn eines Vortrages an und nicken erhaben wenn der Chor nach einem gelungen Stück weitermachen kann. Als Chor erstarrt man dann vor Erfurcht und Hochachtung wenn nach den eigenen Liedvorträgen emsig noch geschrieben und vielleicht auch kurz diskutiert wird und versucht jede sich veränderte Gesichtsmimik der Wertungsrichter für sich oder gegen sich zu deuten. Wenn ich nochmals auf die Welt kommen sollte, dann möchte ich sicherlich auch Wertungsrichter sein.

Nach stundenlangem Warten war es dann endlich soweit. Der Männerchor konnte nach einer kurzen Wartezeit von 4 Stunden um 19:30 nun endlich auf die Bühne gehen – ohne weißes Hemd, Anzug, Weste und Krawatte, nur mit einem lockeren Poloshirt und schwarzer Hose bekleidet – und seine Stücke vortragen. Aufgrund der bisher gehörten Literatur war man dann sicherlich etwas demotiviert und auch schon aufgrund der Wartezeit müde und nervös. Ist aber denke ich normal bei solchen Eindrücken, die man so nicht erwartet hatte. Man sang seine Lieder, die eher aus dem Pop- und Schlagerbereich waren und dann auch im Nachhinein zu lebhaften Diskussionen bei Publikum und Chorleiterkollegen geführt hatte. Hat man vielleicht die falsche Auswahl getroffen? Nun der Männerchor in dieser Geschichte schlug sich tapfer und achtbar aus der Affäre, indem man einen verhältnismäßig guten und auch unerwarteten 3. Platz belegte.

Alles in allem sind Wertungssingen also eine wichtige und würdevolle Veranstaltung, bei der sich die Chöre ganz zeitgemäß präsentieren, und damit auch Werbung für den Chorgesang machen können. Das die an solchen Singen teilnehmenden Chöre nur Ausnahmechöre sind, die nur dafür gedrillt werden, dass die Literatur nur von wenigen Laienchören aufgrund der immensen Schwierigkeiten gesungen werden kann und dies somit für den kleinen Dorfchor, der froh ist mittlerweile überhaupt noch singen zu können, keine Alternative zu seinem bisherigen Repertoire ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ich freue mich schon aufs nächste Wertungssingen.

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